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Pausen-Philosophie

Franzi Reng
Geschrieben von Franzi Reng

Okay, nichts gegen Bochum – aber es gibt nicht allzu viele Gründe dorthin zu fahren. Ich wollte letztes Wochenende eigentlich trotzdem ziemlich gerne dort sein: Erstens fanden dort die Deutschen U23-Meisterschaften statt, bei denen ich über 5000m an den Start gehen wollte. Und zweitens habe ich exakt dort bei den Deutschen Jugendmeisterschaften 2014 bei der Siegerehrung einen richtig hübschen Schlüsselanhänger geschenkt bekommen. Das ist zwei Jahre her und ich hatte den Anhänger seitdem an meinem Schlüsselbund – bis ich ihn vor ein paar Wochen verloren habe. Ich hatte schon darauf gehofft , jetzt wieder einen neuen zu bekommen. Leider war diese Hoffnung umsonst, da mir mein rechter Fuß vor zwei Wochen einen ziemlich dicken Strich durch die Rechnung gemacht hat. Auf meinem Trainingsplan für die Zeit nach den Europameisterschaften stand nun nicht mehr „zwei Wochen Training bis zum letzten Wettkampf der Saison“ sondern ein großes leeres Feld mit einem einzigen Wort: „Pause“.
Pausen sind nicht so mein Ding. Ich mache die meisten Sachen eigentlich am liebsten ohne Unterbrechung zu Ende. Und fange dann gleich was Neues an. Pausen halten einen doch irgendwie nur auf, oder?
Das Problem ist allerdings, dass ich gerade einfach überhaupt gar nichts erzwingen kann. Die Verletzung muss auskuriert werden. Mein dicker geschwollener Fuß hat zwar glücklicherweise schon wieder „abgenommen“, jetzt 5000 Meter zu laufen wäre trotzdem ziemlich dämlich. „Sieh’s doch mal entspannt“ „Kann man nicht ändern“ „Ist halt jetzt so“ – das bekomme ich von allen Seiten zu hören. Aber so richtig akzeptieren mag ich das nicht. Klar, Erholung muss sein, aber wenn man wegen einer Verletzung ohnehin schon die ganze Zeit über nicht laufen konnte, fühlt sich das einfach nur richtig mies an.

Der Einzige, der eine sinnvolle Lösung für mein Problem hat, ist mein Freund: Er packt mich einfach ins Auto und fährt mit mir für ein paar Tage nach Venedig. Das ist nicht nur sehr weit weg von Bochum, sondern auch viel viel schöner – hat er mir versprochen. Und irgendwie hat er schon Recht, die Stadt im Wasser ist richtig hübsch, das kann ich nicht leugnen. Aber der Schlüsselanhänger aus Bochum! Den gibt es in Venedig nicht!
„Franzi, wenn du willst, kauf ich dir hier tausend Schlüsselanhänger!“, meint mein Freund genervt und zeigt auf einen der unzähligen Touristen-Stände mit ihren kitschigen Gondeln, Rialto-Brücken und venezianischen Löwen im Mini-Format. „Aber den ganzen Quatsch will ich doch gar nicht!“, jammere ich verzweifelt. Bin ich die einzige, die in der Trainingspause manchmal einfach unfassbar unerträglich ist?
Das hat mich neugierig gemacht und ich habe mich ein bisschen umgehört, wie denn die anderen Läufer und Läuferinnen ihre Trainingspause angehen. Wie gestalten sie ihre „lauffreie“ Zeit?

Als Allererstes hab ich mir natürlich Anna Gehring vorgeknöpft. Die konnte nämlich genau das machen, was ich ursprünglich auch wollte: 5000m in Bochum laufen. Und da hat sie gleich auch noch gewonnen – die Krönung eines mehr als erfolgreichen Sommers. Und jetzt? „Ich habe jetzt meine Bahnsaison beendet und mache jetzt etwa drei bis vier Wochen Pause“, erklärt sie mir. Dafür geht es nun erst einmal mit der Familie für ein paar Tage in den Urlaub nach La Palma. Den hat sie sich nicht nur wegen einer grandiosen Saison, sondern auch nach bestandenen Abiprüfungen mehr als verdient. „Ich lasse sogar meine Laufschuhe daheim, bei 30 Grad und Sonne gibt es ja auch schönere Dinge, als bei brütender Hitze durch die Gegend zu rennen“, lacht sie. Wieder ins Training einsteigen möchte sie dann erst einmal mit Rennradfahren und Schwimmen, ganz ohne Uhr und Trainingsplan: „Hier entscheidet mein Gefühl über Streckentempo und –länge.“

Auf diese Weise verbringt Simon Stützel eigentlich seine ganze Trainingspause: „Ich mache viele andere Sportarten mit Freunden: Fußball, Tennis, Volleyball – alles so wie es mir Spaß macht“. Ganz auf das Laufen verzichten möchte er innerhalb der etwa zwei größeren Pausen, die er während des Jahres einlegt, trotzdem nicht: „Ich finde, es fühlt sich einfach furchtbar an, wenn man nach drei Wochen zum ersten Mal wieder ein paar Schritte macht. Deshalb gehe ich auch in der Pause hin und wieder ganz locker Joggen, vielleicht 30 Minuten – je nachdem wer mich begleitet.“ Am Anfang der Pause kommt das bei Simon noch ein bisschen öfter vor, „aber je länger die Pause dann wird, desto mehr genieße ich es, dass ich meinen Tagesablauf viel flexibler gestalten kann. Man kann so vieles machen, wozu man während der Trainingszeit nicht kommt, da fehlt mir das Laufen dann immer weniger!“

Bei Julian Flügel ist es dagegen genau umgekehrt: „Ein kompletter Ruhetag fällt mir nicht schwer. Nach zwei oder drei Tagen Ruhe wird es aber doch langsam kritisch“, meint er. Deswegen gestaltet auch er seine Saisonpausen, die der Langstreckenläufer mittlerweile nach dem Marathon-Rhythmus auslegt, mit etwa drei lockeren Läufen pro Woche. „Anderen Sport mache ich dafür nicht wirklich“, gesteht er, „ich bin kein Freund von Schwimmen oder Radfahren“. Für ihn hat sich im Hinblick auf die Regenerationsphase ja eine recht spezielle Situation ergeben: Aufgrund der kurzfristigen Nachnominierung zu den Olympischen Spielen, konnte er nach der EM in Amsterdam keine besonders ausgiebige Pause einlegen – die wird nun erst später nachgeholt: „Nach Rio werde ich auf jeden Fall eine Pause machen. Je nachdem, ob ich im Herbst noch auf der Straße laufe, oder mich auf den Cross konzentriere, fällt die Pause kürzer oder länger aus.“

Die Straßensaison hat Inga Hundeborn dagegen schon fest im Blick: Bei den Deutschen 10-km-Meisterschaften in Hamburg möchte sie mit am Start sein. Bis dahin hat sie noch genügend Zeit, sich gezielt vorzubereiten, denn die anstrengenden Klausuren für das zweite Semester ihres Medizin-Studiums hat sie nun erst einmal hinter sich gebracht. „Ich muss in der Prüfungszeit meine Dauerläufe immer um 6:40 morgens machen“, erklärt sie. Extrem anstrengendes Training ist da natürlich nicht drin. Aber dafür braucht die 20-jährige sonst auch kaum eine richtige Pause: „Ich mache stattdessen immer lockere Dauerläufe. Ich kann nicht ohne!“, lacht sie. Für sie ist Laufen allein schon die beste Regeneration. Wenn es dann zusammen mit Studium, Freunden und allem anderen, was sonst noch ansteht, doch ein bisschen zu stressig wird, isst sie am liebsten Schokolade.
Die anderen drei sind dagegen einer Meinung, was ihr Geheimrezept angeht, um auch während der harten Trainingsmonate schnell wieder zu regenerieren: Sauna! Sowohl Anna als auch die beiden Jungs schwören auf die Wärme. „Ich gehe mindestens einmal die Woche“, meint Simon. Anna macht im Anschluss sogar noch ein bisschen Gymnastik: „Das wirkt wahre Wunder und die Beine sind am nächsten Tag wieder fit!“

Ingas Tipp mit der Schokolade kenne ich schon irgendwoher 🙂 Sauna sollte ich nun vielleicht auch mal probieren. Aber ganz egal, ob nun mit oder ohne Laufen, im Urlaub oder Zuhause, eine oder vier Wochen lang – Eins habe ich durch die Pausen-Philosophien der anderen auf jeden Fall kapiert: Ich bin nicht die Einzige, der es manchmal schwerfällt die Beine stillzuhalten.
Für mich kommt Laufen nach der Verletzung erstmal noch nicht infrage, aber bald kann es ja wieder losgehen. Bis dahin muss ich jetzt einfach mal gelassen bleiben. Manche Dinge kann man eben nicht ändern. Stattdessen sollte ich die freie Zeit doch am besten nutzen, um wieder ordentlich Kraft für die anstehende neue Saison zu tanken.

Begeistert von meiner plötzlichen Einsichtigkeit lotst mich mein Freund durch die Stadt. Wir quetschen uns an unzähligen Touris mit Selfie-Sticks, glitschigen Sonnencreme-Armen und schwitzigen Blumenmuster-Shirts vorbei. Nach mindestens zehn Brücken und hunderten, auf der Straßenkarte nur schwer identifizierbaren Seitengässchen, erreichen wir unser Ziel: „Alaska“ – die vermutlich beste Eisdiele in ganz Venedig. Kurze Zeit später sitze ich mit meiner Ausbeute (Pistazie, Mango, Wassermelone und klar: Schoko) ganz gemütlich in der Sonne und – was soll ich sagen? Irgendwie gefällt es mir ja doch, dieses Nichtstun. Laufen könnte man in dem Gedränge sowieso keinen Meter.
Das Einzige, das hier läuft ist das Schokoladeneis. Aus meiner Waffel. Auf mein Lieblingskleid. Aber ich bleib da jetzt einfach mal gelassen. Manche Dinge kann man eben nicht ändern…

...ist doch ganz schön hier :) Liebe Grüße aus Venedig und bis bald! Eure Franzi

…ist doch ganz schön hier 🙂
Liebe Grüße aus Venedig und bis bald! Eure Franzi

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