Laufen

Mehr als nur „Spielerfrauen“ – unsere Läuferfrau Barbara Ferstl

Ramona Richter
Geschrieben von Ramona Richter

Im Fußball ist schon lange nicht mehr nur das interessant, was auf dem Feld passiert. Natürlich wird alles weiter bis aufs kleinste Detail heruntergebrochen und analysiert: TREFFERQUOTE, TOP-SCORER, FEHLPASS, ZWEIKAMPFSTÄRKE, etc. – aber die Presse lechzt besonders nach dem Rummel drum herum, diskutiert über Hosenzurecht-zupfen und munkelt über potentielle neue Spielerfrauen.

Alles scheint soooo brisant und thront als vermeintlich essentielle Schlagzeile auf Seite Eins.

Zum Vergleich: In der Leichtathletik lenkten die Kameras ihren Fokus zuletzt bei der DM in Kassel (18./19. Juni) lieber auf nicht werfende Speerwerferinnen in Trainingsjacken anstatt den 5000m-Läuferinnen, die zeitgleich an den Start gingen.

Heißt – um der Presse einen kleinen Wink zu geben – die Kamera vielleicht einfach mal auf jenen angespannt konzentrierten Blick der Läuferin zu lenken, die Monate zuvor noch an einer Sprunggelenksverletzung zu hadern hatte und jetzt nur dank umfangreicher Unterstützung, täglichem „sich-selbst-aufbauen-und-zuversichtlich-stimmen“ und gelerntem Kampfgeist heute im Startblock steht – sprich: mehr Wertschätzung und Respekt bitte, denn um zum Beispiel schnell zu laufen, leisten wir das Wesentliche eigentlich vor dem Tag X! Wie jetzt aktuell in der Vorbereitungsphase für die Olympischen Spiele

Falsch ist zu sagen, die Medien zeigen nur, was die Leute interessiert… denn in England sehen wir beispielsweise, dass, wenn es überhaupt erst einmal gezeigt, es auch interessiert angenommen wird und der Sportler – mit Namen, Bestleistungen, Erfolgen usw. – als Mensch in den Köpfen der Reporter präsent ist.

In Deutschland ist das dagegen leider seltener der Fall, wohingegen man im Fußball teilweise selbst die Zweitnamen der Kinder jenes Viertligisten kennt – dafür ist wohl noch Platz in der Klatschpresse.

Grund für mich, das Thema Spielerfrauen auf die Läuferfrauen zu transportieren – das aber nicht aus dem Grund, um die Leichtathletik kommerzieller zu machen, sondern um zu versuchen, hinter die Kulissen zu schauen. Und dabei nicht wie sonst, den Sportler näher vorzustellen, sondern vielleicht jene ins Visier zu nehmen, die oftmals einen wesentlichen (emotionalen) Part im Leben des Leistungssportlers einnehmen. Besonders dann, wenn das Training einem zu Kopf steigt.

Menschen, die mehr als nur im Hintergrund, sondern ihnen wertvoll zur Seite stehen und ein Recht darauf haben, nicht nur als Anhängsel betrachtet zu werden.

Ich möchte euch also heute die langjährige Freundin von Philipp Pflieger – Barbara Ferstl – vorstellen.

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Seit 2012 kennen sich die beiden Lauffanatiker, was schon eine gute Basis für eine Beziehung ist – in der Philipp das Laufen leistungsorientiert betreit und Barbara es in ihrer Freizeit auskostet.

„Auch wenn ich das Laufen nur in meiner Freizeit betreibe, geht es doch darum, auf dem eigenen Niveau die eigenen Grenzen auszutesten und im Rahmen seiner Möglichkeiten immer besser zu werden.“

Barbara läuft seit ihrer Kindheit und ist auch wie Philipp durch ihre Eltern zum Sport gekommen.

„Schon als Kinder waren wir viel mit dem Fahrrad unterwegs, mit ca. 10 Jahren kam dann das Laufen dazu. Von 1-2 Mal laufen pro Woche hat sich das im Laufe der Zeit immer mehr gesteigert und seit ich ca. 15 bin, laufe ich fast täglich.“

Hauptsächlich Straßenläufe in der Region und ab und an ist auch ein Lauf dabei, welcher mehr den Charakter eines Crosslaufes vereint – meistens sind es dann zwischen 8 bis 11 km.

„Ich bin auch schon einige Halbmarathons gelaufen, in diesem Frühjahr einen Dreiviertelmarathon und irgendwann kommt dann sicherlich auch ein Marathon…“

Der Marathon – Philipps Steckenpferd, mit dem er sich für die Olympischen Spiele in Rio qualifiziert hat. Beide laufen zwar auf anderen Leveln, sodass sie weniger zusammen trainieren können, denn „mein TDL-Tempo entspricht in etwa seinem Regenerationstempo…“ aber sie fahren zumindest gemeinsam zum Training und spulen dann separat ihre Einheiten ab und enden in einem gemeinsamen Cool-Down in Form von Stabi-Übungen und Stretching.

Und natürlich profitiert Barbara auch von Philipps Läuferdasein: „Seit ich ihn kenne, habe ich im Bereich Trainingslehre viel von ihm gelernt. Ich bekomme automatisch mit, wie ich gezielter trainiere. Er kann mir viele Tipps zu Training und Regeneration geben und steht auch ab und zu an der Strecke oder erwartet mich im Ziel, wenn ich ein Rennen laufe und es seine Zeit zulässt.“

Zeit ist natürlich das kritische Stichwort. Viel bleibt nicht übrig, „aber wir versuchen die Zeit, die uns zusammen bleibt, zu genießen – manchmal schätzt man Dinge ja auch mehr, je rarer sie sind“.

Es läuft wortwörtlich im Einvernehmen. Denn durch die gemeinsame Leidenschaft ist ein Grundverständnis für den Sport und somit für den Alltag eines Leistungssportlers vorhanden.

„Sicherlich lebt Philipp einen ganz besonderen, ungewöhnlichen Lifestyle – sein Alltag entspricht so gar nicht dem normalen ‚9 to 5‘-Job. Auch wenn es deshalb manchmal schwierig ist, unseren Alltag zu koordinieren und gemeinsame Zeit zu finden, finde ich es bewundernswert, dass er seinen Traum trotz aller Widerstände und Widrigkeiten lebt.“

So wie wir Außenstehende die Leistungen von Philipp bewundern, bleibt auch von Barbara einfach anerkennender Stolz übrig: „Es ist toll, wie er immer weiter kämpft, mit Rückschlägen umgeht und sich für sein Ziel quält. Ich bin sehr stolz auf ihn und das, was er schon erreicht hat und finde, dass er das Leben als Leistungssportler auskosten sollte, so lange es geht. Die Zeit für den Leistungssport ist begrenzt und das ‚0 8 15‘-Leben kommt noch früh genug.  Schließlich bereut man nur die Dinge, die man nicht getan hat…“

Es ist neben der Wertschätzung, die bereitwillige Akzeptanz, dass der Partner seinen Traum lebt. Und das zeichnet die beiden aus: „Das gegenseitige Verständnis für den Einsatz für den Sport beim jeweils anderen. Ich lebe zwar einen normalen Alltag mit Büro und Freizeit, aber ich kann die Leidenschaft und den Einsatz für das Laufen zu 100 % nachvollziehen. Im Gegenzug hat Philipp auch Verständnis dafür, dass ich meine Freizeit fast komplett beim Laufen oder Rennradfahren verbringe, was auch nicht selbstverständlich ist.“

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Natürlich bleibt aufgrund der anstehenden Olympischen Spiele noch weniger Zeit für Zweisamkeit und sie verlangen noch mehr Verständnis, aber es sind und bleiben die Olympischen Spiele, eben ein Traum eines jeden Leistungssportlers. Umso größer ist hierbei die gleichzeitige Akzeptanz der Umstände. Umso größer der Stolz. Umso größer das Glück, dass man als Partner empfindet, wenn der Freund – Philipp – seinen Traum nun endlich leben darf!

Und auch wenn das Training jetzt nicht nur körperlich sehr viel abverlangt, „ist in jeder Trainingsphase auch absehbar, wann der ‚Tag X‘ stattfindet und nach einem Marathon folgt im Normalfall eine Regenerationszeit, in der wenig bis gar nicht trainiert wird und somit mehr Zeit bleibt!“ Was für Barbara und Philipp ein gemeinsamer Urlaub im Anschluss in Brasilien bedeutet 🙂

Seitdem die Olympischen Spiele nun in trockenen Tüchern sind – was beide manchmal bis heute noch nicht realisiert haben – „kann Philipp das Sportlerdasein trotz des anstrengenden Lebenswandels sicherlich auch mehr genießen und ist ausgeglichener als zuvor – und ich freue mich sehr, dass er endlich den Lohn für seine Anstrengungen einheimsen kann!“

Und deshalb wünscht sie Philipp zugleich, dass er am Tag des Marathons (21. August) alles zufriedenstellend abrufen kann und es einfach nur genießt!

Kurz um: Barbara hat mir gezeigt, dass eine Beziehung trotz Widrigkeiten funktioniert und lebendig gehalten wird, wenn jeder neben seiner eigenen Verwirklichung auch die Verwirklichung der Vorlieben des Partners unterstützt.

Besonders im Leben eines Leistungssportlers hat sich bewehrt, wenn man die gemeinsame Leidenschaft teilt. Denn damit geht ein Grundverständnis für den Sport und den damit aufkommenden Prioritäten einher.

Sofern die Wertschätzung des Partners besonders im Leben eines erfolgreichen Leistungssportlers auf Gegenseitigkeit beruht, fühlt sich keine Partei vernachlässigt. Auch wenn Barbara gefühlt mehr hinnehmen muss, muss auch Philipp, der zwar einerseits seinen Traum lebt, auf der anderen Seite auch verzichten und seine zweite große „Vorliebe“ zuweilen hinten anstellen.

Wenn er aber seitens jener Vorliebe – Barbara – eben genau diese liebevolle Akzeptanz erfährt, kann er beruhigt seinen Weg gehen, denn sie macht ihm keinen Vorwurf. Ganz im Gegenteil.

Und das zeigt mir wiederum, dass wir all jenen Menschen oft zu wenig Wertschätzung entgegenbringen – quasi dasselbe wie mit den Medien in der Leichtathletik. Denn es sind doch gerade Familie, Freunde und/oder Partner, die da sind, gleich welche Höhen und besonders auch Tiefen wir durchmachen – gerade als Leistungssportler.

Verzicht bedeutet zugleich Bereicherung, wenn wir Kompromisse eingehen. Und im Falle von Barbara und Philipp ist es eine geglückte Kopplung zweier gleich tickender Seelen, die wertschätzen und lieben, was sie aneinander haben!

Alles Liebe euch beiden!

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