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„Aufgeben kannst du bei der Post“

Nora Kusterer
Geschrieben von Nora Kusterer

Es sollte ein super Jahresabschluss und die Belohnung für viele harte Trainingsstunden werden. Stattdessen wurden die eigenen Ziele beim 36. Mainova Frankfurt Marathon im wahrsten Sinne „vom Winde verweht“.

Der Großteil der Vorbereitung lief richtig gut und nur die letzten drei Wochen vor dem Marathon waren durch Erkältung und eine Sehnenreizung im Fuß etwas eingeschränkt. Da das „wichtige“ Training zu dem Zeitpunkt bei mir aber schon unter Dach und Fach war, wollte ich das Projekt 2:40 (und im besten Fall darunter) trotzdem angehen. 2, 1, Risiko – zum Glück habe ich beim Start nicht annähernd geahnt, wie sich das noch anfühlen würde.

Die Zwischenzeiten bei Kilometer 5 und 10 waren etwas langsamer als geplant aber immer wieder erfassten uns ordentliche Windböen. Außerdem sollte es ab Kilometer 29 Rückenwind geben und da kann man sicherlich ein paar Sekunden gut machen (dachte ich). Schon bei Kilometer 14 schlich sich ein ungutes Gefühl ein. Die Beine waren lange nicht so locker wie sie zu diesem Zeitpunkt hätten sein müssen und die Rechnerei fing an: „Noch 7 bis zu Hälfte, dann kannst du runter zählen“. Das wird heute ein harter Tag… Auf die Uhr habe ich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr wirklich geschaut und war erstaunt, als die Uhr bei der Halbmarathonmarke 1:20:06 anzeigt. Mir war klar, dass eine Zeit unter 2:40 fast nicht mehr möglich ist aber zumindest eine neue Bestzeit schien greifbar. Das galt auch noch für km 25 aber plötzlich war der Anschluss an die Gruppe weg. 4 Kilometer alleine gegen den Wind. Und der pustete unerbittlich.

Endlich, Kilometer 29, die Mainzer Landstraße! Aber wo verdammt ist der angekündigte Rückenwind??? Schon jetzt zähle ich jeden Kilometer. Eigentlich sollten die 12 Kilometer kein Problem sein. Eine Strecke, die locker vor dem Frühstück gelaufen werden kann und heute einfach nur elendig lang und zäh wurde.

Ab Kilometer 34 deutliche Signale des Körpers, dass er eigentlich nicht mehr will. Krämpfe in den Oberschenkeln und Waden zwingen mich immer wieder zu kurzen Geh- bzw. Stehpausen. Das hatte ich bisher noch bei keinem Marathon. Vielleicht hat der Anfang bei den Bedingungen doch zu viele Körner gekostet. Spätestens jetzt ist auch klar, dass ich mich von der neuen Bestzeit verabschieden kann. Also neues Ziel setzen: „Ankommen!!“.

„Aufgeben kannst du bei der Post“ hat ein sehr guter Freund zu mir gesagt. Der Satz begleitet mich jetzt fast bei jedem Schritt. Und außerdem warten Mama und Gerhard bei Kilometer 37 und Stephan im Ziel. Ich KANN einfach nicht aussteigen. Nicht jetzt. Nicht, nachdem so viel geschafft ist. Bei 35 geht’s am Hotel vorbei. Eine gemeine Stelle. Die Quälerei könnte sofort ein Ende haben und die warme Dusche lockt nur wenige Meter entfernt. Aber der Kopf treibt mich weiter. Endlich Kilometer 37 – nur noch 5 bis ins Ziel. 5 winzige, mickrige Kilometer, die mir heute alles abverlangen. Dazu kommen die Windböen, die wir schon zu Beginn an diesen Stellen hatten. Nur, dass sie sich jetzt viel schrecklicher anfühlen. Stellenweise habe ich das Gefühl, dass ich stehe. Selbst das Kilometerschild 41 kann mich nicht mehr pushen. Zweimal war der Zieleinlauf in die Festhalle ein Moment voller Euphorie. Heute schleppe ich mich über die letzten 200 m und 2 cm hinter der Ziellinie sacken die Beine weg. Auch das ist Marathon. Das habe ich nach den guten Erinnerungen an 2015 und ans Frühjahr 2017 nur leider verdrängt. Auf dem Papier steht 2:44:29 aber in meinem Kopf hängt viel mehr damit zusammen.

Nach einer schlaflosen Nacht schwirrt auch heute ein Sammelsurium an Emotionen in mir herum: Erschöpfung, Enttäuschung über die verpassen (Zeit) Ziele aber auch Stolz, dass ich nicht aufgegeben habe. Und nicht zuletzt Freude. Freude über einen fünften Platz bei den Deutschen Meisterschaften, mit dem ich einfach nicht gerechnet habe. Nach 2013 (München, 4. Platz), 2015 (Frankfurt, 5. Platz) nun also das dritte Mal, dass ich bei einer DM unter den Top 5 lande.

Ja, es waren nicht alle am Start und ja, es sind nicht alle durchgekommen die eigentlich deutlich schneller sind als ich. Aber das kann beim Marathon passieren und umso mehr freue ich mich darüber, dass es sich gelohnt hat bis zum Ende zu kämpfen.

Von diesem Marathon werde ich sicherlich noch die ganze Woche etwas haben, denn es gibt praktisch keine Stelle, die nicht schmerzt und trotzdem steht für mich jetzt schon fest, dass das Projekt < 2:40 noch lange nicht abgehakt ist. Ich weiß, dass ich das drauf habe und dann klappt es eben 2018.

In den nächsten Tagen gibt’s erst einmal Erholung für Kopf und Körper, denn nur auf ein intaktes Fundament kann irgendwas draufgesetzt werden.

FFM2 2017

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